Spass beiseite: Ich meine, man sollte es sich gut überlegen, ob man "Videos" im Unterricht als pädagogische Pausen- und Lückenfüller einsetzt. Klar, auch Lehrer haben manchmal einfach keine Lust, sich Unterricht auszudenken, und es liegt mir fern, hier als rigoros zu erscheinen. Ich möchte lediglich die pädagogischen Implikationen vor Augen führen: Was vermittelt sich damit den Schüler/innen?
1. Gelernt wird "bis zur" und "für die" Notenkonferenz. Danach kann man Videos anschauen.
2. "Videos" dienen der Belohnung, Unterhaltung und Ruhigstellung.
Lehrende klagen oftmals über Zeitdruck, doch die Zeiten am Ende eines Schuljahres erscheinen als tote Lernzeiten. Die Zeiten müssen ja nicht unbedingt zum Wiederholen von Unterrichtsstoff genutzt werden, aber wie wäre es mit einer Reflexion des Schuljahres, des eigenen Lernverhaltens, sozialer Fragen im Umgang der Klasse; gerne: mit Schulfesten, Ausflügen, mit der Arbeit im Schulgarten oder oder .....
Medien, aber, so wäre mein Vorschlag, sind wichtige und oftmals wirksame Lernmittel und sollten auch als solche kommuniziert werden. Sie sollten als ein integraler Bestandteil einer Lerneinheit eingebettet werden. In der Regel ist - abgeleitet von Lehrzielen - eine Instruktion zu geben, auf was beim Ansehen eines Videos geachtet werden soll, und danach ist eine Auswertung vorzunehmen. Wenn wir Medien "als Belohnung" einsetzen, entwerten wir die enormen Möglichkeiten. Wir verlängern ansonsten dysfunktionale Rezeptionserwartungen und -muster und bestärken "bildungsfernen" Medienkonsum: "TV is easy, books are hard" (Salomon). Medienpädagogische Anliegen werden ansonsten zur Farce.



5 Kommentare:
Hallo Herr Kerres,
ich finde Ihre Beobachtung sehr treffend und teile Ihre Meinung, dass man Videos nicht als Lückenfüller einsetzen sollte, um das Sommerloch zu stopfen. Sind ähnliche Phänomene eigentlich auch aus der Uni bekannt?
Grüße
Verena Heckmann
Super-Post! So überzeugend wie naheliegend. Danke für den schönen Beitrag nicht nur zur sinnvollen Mediennutzung sondern auch zur Anregung für eine entwickelte Schulkultur. Ich sehe es auch so: Am Ende eines Schul(halb)jahres sollten eigentlich nur noch die Filme gezeigt werden, die die Schüler im Laufe des Halbjahres selbst hergestellt haben. Und am Ende des Schuljahres könnte man die 45min-Taktung ebenso wie die Klassenaufteilung aufbrechen: Eine große (Schüler-)Produktschau verbunden mit einem Schul-oder sogar Stadtteil-Fest; jahrgangsübergreifende Gruppen mit selbstgewählten Aktivitäten; Bilanz und Ausblick! Denn die Sommerferien brechen Schule immer ab, und in der Hektik danach muss sie erst wieder neu konstituiert werden (nicht nur für Schüler). Man könnte stattdessen zum Ende eines Schuljahres in Auswertung eine Bilanz ziehen und schon fürs nächste visionieren, planen und verabreden. Wer weiß, vielleicht gelingt es dann auch, dass sich mancher Schüler (und Lehrer) mehr am Ende der Ferien auf das neue Schuljahr und auf SEINE Lernvorhaben freut.
Kann die Beobachtung durch die Erinnerungen an meine Schulzeit teilen. Einzige (kleine) Korrektur: Damit wirklich Videos geschaut werden können, müsste man vielen Lehrern erstmal die VHS erklären *fg*, wenn er es denn kennt, trifft die These des Zeitvertreibs eindeutig zu. Erinnere mich an eine Doppelstunde mit "Findet Nemo" im Geschichtsunterricht ("Rambo" wurde wegen des zu niedrigem Geschichtsbezugs abgelehnt)
Medienpädagogisch teile ich die Kritik und auch den Vorschlag. Als Mutter eines bayreischen Schülers denke ich mir aber auch ab und zu: Was solls (bezogen auf die aktuelle Praxis) - sie nutzen es als Blödsinn und auch das muss man ihnen gönnen - jednefalls ein paar Mal im Jahr ;-) (Stressabbau)
Gabi
Hallo Herr Kerres, die von Ihnen beschriebene Situation ist mir nicht unbekannt und vollzieht sich in meinem praktischen Umfeld zu oft. In meiner Schulungsgruppe (JVA) liegen die regelmäßigen Prüfungstermine meist am Wochenanfang (ca. aller 4 Monate). Die restlichen Tage der Woche mit einem neuen Thema zu beginnen war nicht sehr motivierend. Also gab es Filme. Dieses System habe ich durchbrechen müssen, da mir die Zeit auch zu schade war. Jetzt arbeiten die Teilnehmer an ihren eigenen HTML-Projekten. Dabei dürfen sie eigene Themen verarbeiten. Dabei muss man natürlich auf die Themenauswahl Einfluss nehmen, jedoch nicht mehr auf den Ergeiz, der sich fast automatisch entwickelt. Das einzige Problem war, der Örtlichkeit geschuldet, die Materialbeschaffung. Für mich war dabei das Anknüpfen an den Lernstoff wichtig und wie in eine Art fakultativer Unterricht das Wissen zu erweitern. Die sehr gestraffte Wissensvermittlung kann damit auch "entspannt" und der künftige Unterrichtstoff vorbereitet werden. A. Stöhr
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