Zugegeben, vor einigen Jahren habe ich die Einführung der Studienbeiträge durchaus positiv gewertet - in der Hoffnung, "Lehre" würde an Bedeutung gewinnen und besser werden. Ich denke, ich habe mich geirrt.
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Ministerielle Verwaltungsvorschriften sollten - als Ergebnis der politischen Kontroverse - sicher stellen, dass Mittel aus Studienbeiträgen nicht einfach in den Haushalt fließen, um dort bestehende Löcher zu stopfen. Tatsächlich werden die Gelder in der Hochschule wie eine Art "Sondervermögen" bewirtschaftet. Jede Hochschule als Ganzes und jeder Fachbereich hat eigene Gremien und Prozesse für die Bewilligung und Verausgabung. Es gibt Prüf- und Kontrollgremien, die Vorgänge auf Richtigkeit prüfen und das Ministerium selbst wiederum prüft, ob diese Prüfungen richtig geprüft sind.
Dieser Fluss der Studienbeitragsmittel will an den verschiedenen Stellen verwaltet werden und damit steigen zunächst einmal die entsprechenden Aufwände und zwar auf allen Ebenen; viele prozessbezogene Kosten bleiben unsichtbar (die psychologischen Kosten des Verteilungswettbewerbes will ich gar nicht ins Spiel bringen). Es ist kein Wunder, dass es den Hochschulen infolge der Vorgaben - zum Verdruss der Ministerien - schwerfällt, die Mittel "zeitnah" zu verausgaben.
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Um eine "soziale Abfederung" zu erzielen, wurden Ausnahmetatbestände formuliert und - gerade die süddeutschen Universitäten - haben daraus eine Art Wettbewerb entwickelt, wer die besten Ausnahmeregelungen bietet. Den Vogel schießt dabei vermutlich Freiburg ab, wo Studierende mit einem Abischnitt von 1,0 freigestellt werden (sollten?), - zum Glück, nicht wirklich ein "soziales" Problem. Durch solche Regelungen werden mancherorts künftig etwa 50% der Studierenden von den Gebühren befreit (s. DIE ZEIT v. 2.7.09).
Bemerkenswert auch die Idee von (Umland-) Gemeinden, die Gebühren für Studierenden zu übernehmen, wenn diese ihren Wohnsitz dort nehmen. Wandert da nicht einfach - nach vielen Schritten der Bewirtschaftung - ein Euro, den die Stadt aus Steuern eingenommen hat, über den Privathaushalt des Studenten in den Unihaushalt, und das über so viele Stationen, dass man sich fragen kann, warum gibt der Staat dann das Geld nicht einfach direkt an die Uni?
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Nun gilt es, neben einem staatlich organisierten Kreditwesen für Studierende (damit Studierende auch Kredite für ihre Studienbeiträge erhalten) ein Stipendiensystem aufzubauen. Das hört sich wieder gut und sozial an. Dabei muss der Staat zunächst ein System des Fundraisings aufbauen und betreiben, da Unternehmen und Sponsoren für solchen Stipendien erst einmal gewonnen werden wollen, (die diese Stipendien dann wieder steuersenkend absetzen). Das heißt: Zuerst führen wir Studienbeiträge ein, dann erlassen wir bis zur Hälfte der Studierenden diese Beiträge, und bauen dann noch für gutes Geld ein Kredit- und Stipendienwesen auf!
Man muss sich dabei klar machen, wieviel Gelder in Aufwände fließen, die mit der Verbesserung der HOCHSCHULLEHRE wenig zu tun haben: Kosten, die etwa entstehen, um die zig-tausenden Anträge auf Ausnahemgenehmigung zu bearbeiten, Kosten für den Aufbau und Betrieb des Stipendienwesens oder auch für die Vergabe und Rückforderung von Krediten.
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Und was passiert mit dem Geld an den Hochschulen? Tragen diese denn nicht substantiell zu verbesserten Bedingungen in der Lehre bei? Wie sieht die Praxis aus?
Lernmittel etwa, wie Skripte, Laborausstattungen oder Exkursionskosten, werden heute tatsächlich zunehemnd von der Hochschule getragen. Früher mussten diese oftmals von den Studierenden selbst gezahlt werden. Sie trugen diese relativ selbstverständlich, denn sie erhielten eine unmittelbare Gegenleistung für die Zahlung. An dieser Stelle entstehen keine neuen, qualitätsverbessernde Leistungen, sondern es handelt sich nur um einen anderen - gegenüber früher: psychologisch sogar ungünstigeren - "Abrechnungsmodus".
Darüber hinaus verständigen sich an den meisten Unis die Studierenden mit der Hochschule schnell und gerne darauf, dass aus den Beiträgen z.B. Lehrbücher für die UB beschafft werden, und so füllen sich die Regale mit solchen Werken. Auch Laptops und Computer werden gerne beschafft und den Studierenden zur Verfügung gestellt. Alles keine schlechte Ideen. Doch zusätzlich zu den Anschaffungskosten entstehen nicht unerhebliche Nebenkosten, die etwa mit der Beschaffung, Inventarisierung, Einstellung und Ausleihe entstehen, von Raum-, Betriebs-, Wartungs- und Betreuungskosten ganz zu schweigen.
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Gerne einigt man sich auch auf die Einstellung von Studierenden als Tutor/innen für Erstsemestrige. Auch das, keine schlechte Idee, im Effekt führt dies jedoch dazu, dass an vielen Orten zuvor "ehrenamtlich" von Höhersemstrigen betreute Angebote nun "ausfinanziert" werden. Einführung in das Fachstudium? Führung durch die Bibliothek? Früher "Ehrensache", jetzt bezahlter SHK-Job. Schade eigentlich, so lässt sich jede intrinsische Motivation (und Fachschaftsarbeit?) ruinieren (s. Korrumpierungseffekt).
Investiert wird darüber hinaus in zusätzliche "Lehrbeauftragte", die in der Regel deutlich unterbezahlt ihren Dienst leisten. Auch wird in größerem Umfang Personal in der Kategorie "Lehrkraft für besondere Aufgaben" angestellt, mit hoher Lehrverpflichtung, in der Regel Jahresverträgen und schwierigen Perspektiven. Da Studienbeiträge in der Regel nicht in Gebäude, Mieten und Inventar investiert werden dürfen, machen sich diese Lehrkräfte nun die zumeist ohnehin engen Raumverhältnisse und die gleichbleibenden, laufenden Sachmittel mit dem "normalen" Haushaltspersonal streitig.
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Machen wir damit eine kleine Rechnung auf: Eine Studentin zahlt 500 Euro pro Semester. Davon müssen wir mind. 20% Overhead ansetzen. Das ist für die oben beschriebenen Gemeinkosten bzw. Prozesskosten, die innerhalb und außerhalb der Universität entstehen, sicherlich sehr, sehr (!) gering angesetzt. Durch Ausnahmeregelungen und Quersubventionen werden wir in einigen Bundesländern möglicherweise einen Zustand erreichen, wonach nur jeder zweite Studierende Beiträge (dann für einen weiteren) einzahlt (s. DIE ZEIT). Insofern verbleiben vielleicht 200 Euro, für die die einzahlende Studentin Leistungen erwarten darf. Diese Summe steht einfach in einem Missverhältnis zu den eingezahlten Mitteln, die die Studentin hätte investieren können in Skripte, Bücher oder PCs... oder was sonst für das Studium nötig wäre.
In der Öffentlichkeit wird gegen Studienbeiträge am häufigsten das Argument der sozialen Selektivität diskutiert: Interessierte aus "bildungsfernen" Familien könnten wegen der zusätzlichen Kosten vom Studium abgehalten werden. Tatsächlich ist die soziale Selektivität des deutschen Bildungswesen erschreckend hoch und sogar steigend, wobei dieses Problem bereits deutlich früher im Bildungsgang und am schärfsten wohl beim Übergang von der Sekundarstufe 1 zur Sekundarstufe 2 (sehr lesenswert: Sozialerhebung , DSW, S. 110) entsteht.
Geben wir es einfach zu: Die Umsetzung des "Projekts Studienbeiträge" ist kein Erfolg. Bleibt die Frage: Nachbessern oder - wie bereits in anderen Bundeslängern geschehen - Aufgeben?
[PS: Diese Meinungsäußerung bezieht sich auf das System im Ganzen und nicht auf die Praxis an meiner eigenen Hochschule, wo ich ein ernsthaftes Bemühen von Beteiligten wahrnehme, gemeinsam eine sinnvolle Nutzung der Mittel zu erreichen! Erfreulich, dass wenigstens die Gesamtzufriedenheit für die UDE etwas gestiegen ist (s.a. hier). ]



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