9. November 2009

Gedanken zur Landschaft der Medienpädagogik

Der Tagungsherbst neigt sich dem Ende entgegen und ich konnte dieses Jahr eine ganze Reihe von Tagungen besuchen. Deswegen - nach der "geografischen Landkarte" - heute einige Gedanken zur "sozialen Landschaft".

Die Kommission Medienpsychologie der Dt. Gesell. f. Psychologie hatte zum ersten Mal eine Tagung in englischer Sprache ausgerichtet. Erfolgreich: es fanden sich ca. 80 Kolleg/innen auch aus dem europäischen und weiteren Ausland nach Duisburg zu der von Nicole Krämer ausgerichteten Tagung ein. Mit der englischsprachigen Ausrichtung setzt die Kommission auf internationale Vernetzung. Es herrscht darüber hinaus ein "inkludierendes" Klima vor, das auch Kolleg/innen aus Nachbardisziplinen auf die Tagung führt.

Die GMW ist ein e.V., gegründet von Medienentwicklern innerhalb und außerhalb von Hochschulen. Mit den E-Learning Förderprojekten der 1990er Jahre kamen zunehmend auch Wissenschaftler/innen verschiedener Fachdisziplinen - wie Medizin, Geschichte, Sprachen - hinzu. In Berlin – auf der gemeinsamen Veranstaltung mit der E-Learning Fachgruppe der Gesell. für Informatik mit ca. 500 Tn – war ein großer Teil der Wissenschaftler/innen anwesend, die ihr Forschungsgebiet als "Mediendidaktik" bezeichnen. Das "GMW-DeLFI-Doppelpack" wirkt offensichtlich einladend für verschiedene Disziplinen und bringt Interessierte aus Anwendung und Forschung zusammen. (wobei ich mich auch auf das "DeLFI-MuC-Doppelpack" nächstes Jahr in Duisburg freue - eine andere, aber gleichermaßen interessante "Mischung" von Communities.)

Die Kommission Medienpädagogik der Dt. G. f. Erziehungswissenschaft schließlich tagte in Dortmund (mit ca. 60 angemeldeten Tn), auch: zu Ehren von Renate Schulz-Zander, die nächstes Jahr pensioniert wird: Ihre Arbeiten u.a. zu "Schulentwicklung und Medien", auch im Rahmen internationaler Vergleichsstudien, sind ganz wesentliche Meilensteine medienpädagogischer Forschung.

Ich habe mich auf der Tagung sehr wohl gefühlt und anregende Vorträge und Diskussionen erlebt. Die Situation der Kommission macht mich zugleich nachdenklich. Ich stelle fest, dass eher wenige "etablierte" Kolleg/innen aus Universitäten sich aktiv einbringen, und insbesondere die Kolleg/innen mit eher mediendidaktischen Schwerpunkt fühlen sich wenig "eingeladen". Dabei hat die Mehrzahl der medienpädagogischen Professuren mittlerweile einen mediendidaktischen Schwerpunkt. Bin ich der Einzige, der dies als Problem wahrnimmt? Die Kommission Mendipädienpädagogik soll nun aufgewertet werden zu einer eigenen Sektion in der DGfE: Dann fände ich es - weiterhin - besonders wichtig, wenn sich "die" Professuren für Medienpädagogik hier zuhause fühlen könnten.

Das medienpädagogische Manifest, mit viel – bemerkenswerter – Mühe vom Vorstand als politisches Statement vorwärts gebracht, wird dazu aus meiner Sicht eher wenig beitragen. Mir sind die dort genannten politischen Forderungen nicht konkret genug und sie erscheinen mir keineswegs logisch zwingend. Vor allem aber: Ich sehe Forschung als Kernthema der Kommission. Der Vorschlag des Vorstandes, die nächste Tagung zugunsten eines „politischen Gipfeltreffens“ gemeinsam mit anderen Instituten, wie JFF, GMK, Hans-Bredow-Institut, Wohlfahrts- und Jungendverbänden u.ä., ausfallen zu lassen, wurde schnell aufgegeben.

Vielleicht sollten wir uns über das Selbstverständnis der Kommission erneut und weiterhin verständigen. Einige vorläufige Gedanken von mir:

1.  Die Komm. MPäd ist das Forum für wissenschaftliche Forschung zu Mediendidaktik und Medienerziehung.
2.  Die Komm. MPäd ist die Community der Wissenschaftler/innen mit einem mediendidaktischen und medienerzieherischen Schwerpunkt in ihrer Forschung.
3.  Die Arbeit der Komm. MPäd hat vorrangig das Ziel, medienpädagogische Forschung inhaltlich voranzutreiben, die Verständigung über medienpädagogische Forschungsmethodologie zu unterstützen und Qualitätsstandards medienpädagogischer Forschung zu etablieren.

Vielleicht könnten wir auch über die Organisation der Tagung sprechen, auch auf dem Hintergrund der Entwicklung von Standards anderer Tagungen. Hier ein paar Gedanken:

4. Vielleicht brauchen wir weniger Tagungen? Wir bewegen uns als Medienpädagog/innen auch auf anderen Tagungen (s.o.) und werden es m.E. kaum schaffen, zwei Tagungen pro Jahr hinreichend zu bestücken und zwar im Hinblick auf hochwertige a) Ergebnisse / Vorträge und b) Publikum (In der einen - von zwei - Parallel-Sessions, die ich moderierte, waren zweitweise weniger als 8 Zuhörende.)
5. Wäre es nicht besser, die Tagung wäre thematisch offen für Einreichungen aus der gesamten med.päd. Forschung? Sie präsentiert einfach: aktuelle Forschungskonzepte, -projekte, - ergebnisse und reflektiert forschungsmethodologische Ansätze der MPäd. (dann wären ALLE Med.Päd. eingeladen, ihre besten Ergebnisse einzureichen ... freilich: Wir müssen arbeiten an klaren Kritierien zu Bewertung der unterschiedlichen Einreichungen  ...)
6. Ziel sollte sein, die Tagung als den Ort zu etablieren, an dem die wichtigsten Vorhaben und Ergebnisse der aktuellen Forschung in der Medienpädaogik (zunächst: im deutschsprachigen Raum) sichtbar gemacht werden  ... (eigentlich selbstverständlich … ?)
7. Vielleicht reicht 1 Keynote pro Tag? (Dieses Jahr: 8 eingeladene Vorträge, davon 2 Vorträge von Vorstandsmitgliedern.)
8. Ich denke, man könnte für die Programmgestaltung, wie andernorts und m.E. auch früher praktiziert, ein Programmkommitte einsetzen, das eingereichte Beiträge "transparent" begutachtet. (statt Setzung durch Vorstand) - Wir werden dabei sicher einiges an - notwendiger - Diskussion über Bewertungskriterien erzeugen ...
9. Es wäre vielleicht auch ein geeignetes Publikationsformat für Proceedings zu finden. Das „Jahrbuch“ hat bereits heute eine andere Funktion und ist dafür nicht geeignet. Für die Attraktivität der Tagung wäre es wichtig, dass die Referenten eine Publikation erhalten, die zugleich zitiert werden kann ...
10. Für Poster-Sessions fände ich es gut, wenn diese im Tagungsprogramm genannt werden, für diese ein "dezidierter Slot" vorgehalten wird und als ernsthaftes Beitragsformat in die Tagung integriert wird.


Nach der Tagung ist vor Tagung.

8 Kommentare:

Debora Weber-Wulff hat gesagt…

Weniger Tagungen wäre sehr wichtig! Nicht nur hat man ein Aufmerksamkeits-Budget-Problem, auch eine Reise-Budget-Problem. Und man ärgert sich, wenn es zwar 2-3 richtig gute Vorträge gibt, aber sehr viele "wir-werden-demnächst-machen" oder "eigentlich-haben-wir-das-schon-berichtet-nur-noch-nicht-hier" Beiträge nerven.

Die Gespräche am Rande (besonders bei der GMW-DeLFI) waren sehr wichtig und haben gute Impulse geliefert.

Nur - keiner will als erstes sagen - wir warten noch ein Jahr, oder wir gehen mit X zusammen. Ich finde es auch schlimm für die Vortragenden, wenn sich weniger als ein Dutzend ZuhörerInnen einfinden.

Klaus Warzecha hat gesagt…

Vielleicht hilft ein Blick über den Tellerrand der Mediendidaktik/Medienpädagogik hinaus ja für die Organisation künftiger Tagungen:

ad 10. Bei Tagungen im Bereich der Photochemie sind Postersessions in intergraler Bestandteil des Programms. Parallel zu diesen Sessions finden keine Vorträge statt; Posterautoren sind angehalten, sich während der Sessions bei ihren Postern aufzuhalten, um Kollegen für Fragen und Diskussionen zur Verfügung zu stehen. Poster gelten nicht als nicht Dekoration; sie sind ernsthafte wissenschaftliche Beiträge, die im Book of Abstracts der Tagungen genauso umfassend wie Vorträge durch Abstracts dokumentiert sind. Letzteres hat primär praktische Gründe: Es gibt nur ein gemeinsames style sheet für alle abstracts, egal ob Poster oder Vortrag u. i. d. Regel steht ja zum Zeitpunkt der Anmeldung eines nicht eingeladenen Beitrags noch nicht fest, ob dieser als Vortrag ausgewählt wird. Aber es dokumentiert eben auch, das Poster sehr wohl wissenschaftliche Beiträge sind; wenngleich die meisten Kollegen, ich inbegriffen, üblicherweise zunächst versuchen, sich für einen Vortrag anzumelden ;-)

Anonym hat gesagt…

Ich sehe es auch so: Die DGFE_Kommission Medienpädagogik ist nicht gerade einladend für Mediendidaktiker. Kein Wunder, wenn man im Schluß-Statement des Vorstands erneut hört: "bei der GMW, da fehlt der kritische Diskurs". In ähnlicher Richtung die Anmerkungen von Vorstandsmitgliedern zu "den Psychologen" oder "die Technologen". Die Mediendidaktiker haben offensichtlich mit den Füssen abgestimmt.

Gabi Reinmann hat gesagt…

Hallo zusammen,
grundsätzlich bin ich auch für weniger Tagungen. Ich selbst z.B. schaffe es gar nicht, auf alle möglichen Tagungen zu gehen - das schon erwähnte Geld ist die eine Sache, die andere ist die Zeit! Tagungen zusammenzulegen, ist also ein guter Weg - einmal wegen des dadurch möglichen Austausches und des Weiteren wegen der dadurch erzielten Zeitersparnis. Nächstes Jahr z.B. ist es besonders blöd, dass zwei Tgaungen im September zeitgleich stattfinden ...
Gabi

Bruce Spear hat gesagt…

NICE that you open up these questions (terrible that the GMW/DELPHI does not follow this good example!)! Here is my wish list for the perfect conference.

I think the key terms for modern conference include

Access (everyone gets to present, keep the costs down),

transparency (in selection), conversation (shorter presentations,

more time for discussion),

mixing (lots of breaks in spaces that support mixiing: not that jamming of people into cafes as at the FU Seminaris, that was terrible, socially)

and above all, orientation to innovation, usefulness, and change, and that means, supporting younger scholars, students, and media users and now just those sitting on positions: the users ought to be leading the show!.

I second the motion for fewer conferences.

I really do think that the GMW/DELPHI could have used less expensive private venues and more public (FU classrooms and mensa) and saved tax-payers tens of thousands and included more instructors and students (people who actually use the stuff).

Expose papers right away to the web using DSPACE (and not huge single pdf files) for good SEO, and get them online BEFORE the conference instead of the day after, so people can arrive better prepared if they want.

Let everyone present who wants to present: explore those BarCamp alternative formats (that generate such tremendous enthusiasm).

Solicit issue/themes for panels, so people can debate relevant issues: the individual monograph business is not at all the same as organizing panels around issues over which reasonable people can disagree (such as the VLE/LMS debates at ALT-C)

I hope this helps!

Joachim Wedekind hat gesagt…

Tagungen zusammen legen wäre schon nützlich. Die jeweiligen Communities sind ja nicht so riesig. "Kleine" Tagungen wie die Herbsttagung haben nun durchaus ihren Flair und fördern aufgrund ihrer geringen Größe intensive Kommunikationsformen. Allerdings kann man das mit geeigneten Formaten auch bei größeren Tagungen induzieren.

Beim Schlußstatement war ich nicht mehr anwesend, aber Kooperation wird schwierig, wenn andere eher vereinnahmt als integriert werden sollen. Und ja, fehlenden kritischen Diskurs bei der GMW zu bemängeln können eigentlich bloß die, die in Berlin nicht dabei waren. Der mehrfache Bezug auf Pierre Bourdieu bei der Herbsttagung ist wohl noch kein Qualitätsmerkmal, zumal die daran anknüpfende empirische Arbeit mir keine überzeugenden Erklärungsmuster für den "medialen Habitus" der Akteure im Bereich Schule und Medien lieferte.

mkerres hat gesagt…

Danke für die Rückmeldungen.
@brucespears: ich sehe allerdings durchaus auch eine Differenz zwischen einer wissenschatlichen Tagung und einem Barcamp,wobei man Elemente des Barcamps durchaus in einer Tagung integrieren könnte / sollte ...

Thomas Irion hat gesagt…

Klasse, dass hier noch die Möglichkeit besteht weiter zu diskutieren.

Ich persönlich fand die Dortmunder Tagung sehr anregend und habe die persönliche Atmosphäre sehr geschätzt. Da ich aber auch am Besuch anderer Tagungen (auch mit Schwerpunktsetzungen außerhalb der Medienthematik) interessiert bin, sind meine Möglichkeiten zur Teilnahme begrenzt und es fällt mir immer wieder schwer zu entscheiden, welche Tagung ich besuchen soll.

Dies spricht m.E. für eine Zusammenlegung verschiedener Tagung mit Nischen für persönliche Gruppen.

Zudem wäre meines Erachtens auch ein (noch) stärkerer Austausch zwischen Medienerziehung und Mediendidaktik dringend erforderlich. Auch dies spricht für Zusammenlegung.

Ferner ist mir aufgefallen, dass Fachdidaktiker mit Medienschwerpunkt kaum vertreten waren. Wenn wir Medienpädagogik nicht als schulpädagogische Satelliten betreiben wollen, wäre auch hier eine stärkere Anbindung dringend von Nöten. Auch ein Argument, das für eine Zusammenlegung spricht, in der sich fachdidaktisch ausgerichtete Personen mit Medienschwerpunkt wiederfinden können. Die idealtypische Unterscheidung in Mediendidaktiker und Medienerzieher funktioniert zumindest in meiner Fachdidaktik (Sachunterricht) nur begrenzt. Medien sind hier einerseits als Teil der kindlichen Lebenswelt als Unterrichtsgegenstand zu betrachten als auch als Unterrichtsmittel. Die Landschaft ist für randständige Besucher einfach zu unübersichtlich.

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