27. Dezember 2009

Gedanken zu Vorträgen

Ich habe viele Vorträge gehört in den letzten Monaten. Eigentlich scheint alles gesagt zu Merkmalen einer "guten Präsentation". Die Textwüsten mit Bulletpoints gelten mittlerweile als verpönt. Sie helfen einem Redner, den Faden nicht zu verlieren, sie lenken die Aufmerksamkeit des Zuhörers jedoch ungünstig und unterstützen die Aussage des Referenten nur unzureichend.

In der Praxis der Medienprofis beginnt sich das Präsentationsparadimga zu ändern, wie etwa von Steve Jobs meisterhaft vorgeführt. Als visuelles Informationsangebot sollen Folien die auditive Informationen nicht verdoppeln, sondern eher nicht-textlich codierte Informationen präsentieren, also möglichst Schaubilder, Diagramme, Übersichten, Grafiken oder auch Impressionsbilder: Die PPT liefert NICHT die Zusammenfassung des Vortrags, sondern unterstützt die verbale Aussage der Referentin durch möglichst anders codierte Information! In der Praxis des 20-minütigen Referates auf wiss. Tagungen ist dies noch eher selten zu beobachten. Und Studierende erwarten vielfach, dass auf Folien "alles drauf ist, was klausurrelevant ist". Wir werden hier also noch etwas auf Veränderung warten müssen...

Ein zweiter Aspekt, der mir auffällt, ist die  Verwendung von Meta-Kommentaren zum eigenen Vortrag im eigenen Vortrag:

- Darauf werde ich jetzt nicht näher eingehen.
- Leider habe ich keine Zeit, um auf diesen Aspekt näher einzugehen.- Die Zeit erlaubt mir nicht, die Ergebnisse im Einzelnen darzustellen. 
- Das Thema ist sehr komplex, da kann ich hier nur einige Punkte nennen.
aber auch: 
- Diesen Punkt werde ich später nochmal erläutern.
- Bevor ich diesen Aspekt vertieft beleuchten werde, will ich erst mal .... 

Diese Aussagen snd selten hilfreich. so stehlen sich Vortragende selbst wertvolle Redezeit.

Ich möchte auch die gängige Praxis in Frage stellen, am Anfang eines 20-minütigen Vortrages eine Gliederung vorzustellen (manchmal mehrere Folien lang). Ein Referat hat in den meisten Fällen einen recht ähnlichen Aufbau (Problem, Lösung, Ergebnis, Ausblick) und den braucht man in einem 20-minütigen Referat nicht zwingend vorab zu erklären.

Erstaunt bin ich, wenn jemand einen Vortrag zu einem anderen Thema hält als angekündigt. Mehrfach erlebt. Manche Vorträge werden mit einem spektakulären, vielversprechenden Titel angekündigt, der jedoch nicht ansatzweise eingelöst wird. Auch Keynote-Speaker lassen sich gerne zu einem flotten Titel für ihren Vortrag überreden und berichten dann ganz Anderes - in der Annahme: "Merkt eh keiner".
In der frechen Variante: "Das Referat, das ich angekündigt hatte, werde ich jetzt  nicht halten. Ich habe vor, es nächstes Jahr wieder einzureichen, dann können Sie ja hören." Ebenso: "Den angekündigten Vortrag können Sie ja in den Proceedings lesen, ich werde jetzt reden über ....". Brauchen wir eine neue Vortrags-Etiquitte?

1 Kommentare:

Gabi Reinmann hat gesagt…

Hallo Michael,
ich stimme dir in den meisten Punkten uneingeschränkt zu! Veranstaltungsorganisatoren verstärken leider mind. zwei der von dir aufgezählten "Unsitten": (a) Sie möchten am Ende die Folien haben - als Nachtrag. Konzipiert man Folien tatsächlich als komplementäres Element zum Gesprochenen, kann aber die Folien hinterher keiner verstehen (weshlab ich dann lieber mein Manuskript rausgebe, falls ich - etwa bei Keynotes - eines habe). (b) Der Vortragstitel soll ewig lang vorher fetsstehen - wenn man dazwischen noch zig andere Deadlines hat und wirklich noch nicht sagen kann, wie der eigene Beitrag aussehen wird. (c) Vorelsungen und Vorlesungsfolien sind was ganz anderes als Vorträge oder gar richtige Reden auf Veranstaltungen außerhalb der Lehre - das sollten Vortragende bitte nicht vergessen ;-).

Gabi

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