12. Januar 2010

Student/in - das unbekannte Wesen

Unternehmen geben Viel, um Informationen über ihre Kund/innen zu erhalten. Doch Universitäten wissen in der Regel - ausser den Daten der amtlichen Hochschulstatistik - recht wenig über ihre Studierende. An der Uni Duisburg-Essen bin ich häufiger dem Gefühl begegnet, dass die Studierenden der UDE "anders" seien als anderswo. Doch wie? Und: stimmt das?

Nun liegen erste Ergebnisse einer Befragung vor, die von der Hochschulleitung geplant und unserem Zentrum für Hochschul- und Qualitätsentwicklung durchgeführt wurde. Ein Aspekt ist die soziale, ethnische, religiöse und geografische Herkunft der Studierenden. Die Ergebnisse sind mit anderen Bezugswerten (etwa von DSW oder HIS) in Beziehung zu setzen, um sie sinnvoll einordnen zu können.

Bei manchen Variablen ist dabei die Interpretation und Bewertung nicht einfach, so etwa bei der Variable "First-Generation-Academics". Danach kommen mehr als die Hälfte der Studierenden (53 v.H.) aus Familien, in denen weder Mutter noch Vater studiert haben. Bei DSW (08) liegt dieser Wert für Universitäten bei 62%, bei FHs bei 47%. Im Osten Deutschlands liegen diese Werte dabei HÖHER als im Westen (S. 128). In NRW studieren grundsätzlich mehr Kinder aus unteren sozialen Schichten als in anderen Bundesländern. Und noch komplizierter: Auch die Fächerwahl ist schichtspezifisch und insofern hängt die soziale Zusammensetzung der Studierenden einer Universität auch vom angebotenen Fächerspektrum ab. Damit liegt die Quote der "First-Generation-Academics" an der UDE niedriger als im deutschen Durchschnitt, sie ist eben typisch für eine Universität in NRW mit z.B. starken Sozial- und Wirtschaftswissenschaften.

Und auch anders als vermutet, entspricht die Erwerbstätigkeit bei unseren Studierenden im Wesentlichen den Durchschnittswerten der Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerkes (2008).

Ausländer? "94 Prozent der Stud. haben eine deutsche Staatsbürgerschaft, ein Viertel aller Befragten hat allerdings einen Migrationshintergrund." Deutschlandweit haben 12% (destatis) der Studierenden eine ausländische Staatsangehörigkeit und es liegen auch exaktere Daten der Gesamtpopulation der UDE vor: nach Bundesstatisktik haben demnach ebenfalls fast exakt 12% der Studierenden der UDE eine ausländische Staatsangehörigkeit. Insofern kann man nur sagen: Es haben an der Befragung auffallend wenig Studierende mit ausländischer Staatsangehörigkeit teilgenommen.

Die Daten zur Migration sind besonders schwer interpretierbar: Migration wurde hier bezogen auf die Staatsangehörigkeit eines (!) Elternteils, bei DSW bezieht sich die Variable auf den Studierenden (Eingebürgerte, Doppelstaatsbürgerschat und Ausländer mit deutschem Abitur). Nach DWS haben danach deutschlandweit 8% der Studierenden einen Migrationshintergrund, als Vergleichswert taugt diese Information nicht.

"Drei Viertel der UDE-Studierenden sind Christen, knapp 6 Prozent Moslems, 16 Prozent gehören keiner Religion oder Konfession an. Knapp einem Fünftel der Studierenden mit Konfession ist die Religionsausübung im Alltag ein wichtiges Anliegen." Interessant (und ich meine erfreulich), dass so viele Studierende - und dies umfasst offensichtlich Christen wie Moslems gleichermaßen - Interesse haben an "Religionsausübung im Alltag" (schön formuliert :-)

Der Anteil der Studierenden mit gesundheitlicher Schädigung liegt im Jahr 2006 lt. DSW deutschlandweit bei 19 % - erstaunlich hoch. Duisburg und Essen scheint da die bessere Luft zu haben und weist immerhin "nur" 10% Studierende mit gesundheitlichen Problemen auf. (Dies erscheint aber ebenfalls eine eher schwammige Variable, hier tauchen etwa auch "Allergien" auf .. )

In einer weiteren - fast abgeschlossenen - Befragung im Rahmen des Projektes Studium und Beruf "STUBE" (BMBF-Förderprogramm "Empirische Bildungsforschung: Hochschulforschung"), gehe ich momentan gemeinsam mit Anke Hanft / Uni Oldenburg und Uwe Wilkesmann / TU Dortmund der Frage der beruflichen Tätigkeit von Studierenden genauer nach. Dann werden wir auch Quervergleiche zwischen den Hochschulen und verschiedenen Fächerkulturen ziehen können.

Interessant wird auch der Quervergleich sein zu dem Projekt ZeitLast, das Rolf Schulmeister leitet und in dem genauer hingesehen wird, wie und wie lange Studierende denn tatsächlich "lernen". Auch hierüber wissen wir erstaunlich wenig.

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