Ein neuer Artikel von Rolf Schulmeister beschäftigt sich mit der "Kommentarkultur in (Edu-) Weblogs". Zunächst ist es amüsant, aber auch befremdlich, wenn - statt der mühsam produzierten wiss. Beiträge - der eigene Weblog - eine subjektiv doch eher flüchtig und beiläufig produzierte Textsorte - Gegenstand einer empirischen Auswertung von Kolleg/innen wird. Ich finde die Analyse ohne Frage gut und spannend zu lesen und die vorgestellten Überlegungen machen nachdenklich.
Ich hatte mit Rolf Schulmeister bereits vor längerer Zeit über die Auswertung sprechen können. Mein Punkt lautet, dass die kommunikative Funktion des Weblogs im beruflichen wie auch persönlichen Kontext, also für Autor und wiss. Disziplin, durch die Analyse der Blog-Kommentare meines Erachtens schwer erfasst werden kann. Gesellschaftlicher Diskurs entsteht ja nicht in einem Medium, sondern im Zusammenspiel aller medialen Artikulationswege (Zeitungen nehmen Bezug auf Fernsehbeiträge, diese auf Radiointerviews etc.).
Vielleicht ist meine Perspektive stärker durch "teilnehmende Beobachtung" der Blogosphere beeinflusst. Eigentlich hätte ich längstens aufhören müssen "zu bloggen": viel zu wenig Kommentare, keine "Kommentarkultur", kein "echter Diskurs", wie Rolf Schulmeister bemängelt. Doch ich bin weiterhin erstaunt und manchmal erschrocken, wie ernsthaft Edu-Blogs z.T. gefolgt wird. Die Kommentare entstehen aber - in meinem Umfeld - oft über andere Wege: Im Aufzug in R11 sagt ein, mir vollkommen fremder Mensch: "starkes Foto letzte Woche im Blog". An der Kaffeausgabe einer Tagung, spricht mich jemand auf einen Eintrag von vor sechs Monaten an. Und ich spreche mit Gabi Reinmann und einigen der Genannten mit einer gewissen Regelmässigkeit über unsere Blogs und den "State of the Blogosphere" - face to face, per Telefon, mal 'ne schnelle E-Mail. Es bleibt ein erstaunliches Phänomen: Blogs erzeugen teilweise mehr "Kommentare" und Netzwerkbildung als manche wiss. Artikel, die es bei stark dynamischen Themenstellungen und dem Dickkicht an Zeitschriften schwer haben, Aufmerksamkeit zu erzielen.
Ich käme insofern zu einer anderen Einschätzung: Nein, Weblogs sind meines Erachtens keine „eher monologische Form des Ausdrucks“. Sie sind ganz anders - bislang in der Forschung noch nicht gut sichtbar gemacht - mit bestehenden Kommunikationswegen vernetzt. Interessant wäre auch, die Bezugnahmne in Blogs mit Zitierungen in wiss. Arbeiten oder Co-Autorenschaften zu vergleichen, wie es etwa in Beat Döbelis Biblionetz sichtbar wird. Man wird dabei Überstimmungen, aber auch Unterschiede herausarbeiten können.
Insofern sind die analytischen Instrumente für die Auswertung von Weblogs, wie Rolf Schulmeister sie vorgelegt hat, ein wichtiger Schritt. Doch das akribische Auszählen der Beiträge erscheint mir methodisch eingeschränkt, weil es die Veränderungen der Wissenschaftskommunikation - auch durch Web 2.0 - , in denen wir uns befinden, kaum erfasst. Im nächsten Schritt, so wäre meine Überlegung, könnte man das Phänomen umfassender im Rahmen einer "Informations- und Kommunikationsökologie von Wissenschaftler/innen" in Zeiten von Web 2.0 untersuchen, um die Beziehung von Kommunikationwegen (und ihre Verschiebung) in der Wissenschaft genauer zu erfassen.



8 Kommentare:
Hallo Michael,
hier ein Kommentar (damit dieser Beitrag keine monologische Form des Ausdrucks bleibt).
Ich kann die Kritik von Schulmeister an der Kommentarkultur nicht recht verstehen. In Weblogs werden wenig "wissenschaftliche Diskurse" geführt. Ja und? Will ich das denn? Oder hätte die Kommentarkultur nur dann einen Wert, wenn sie wissenschaftlich ist? Gerade die soziale Funktion der Kommentare und die Vernetzung, die daraus entsteht, haben einen besonderen Wert...
Um mal das Muster zu brechen, ein Blog-Kommentar :-)
Ihr methodischer Kritikpunkt trifft die Sache auf den Punkt. Wenn man nach faktischen kommunikativen und sozialen Effekten von Medien fragt, ist es eben angebracht, mit den Leuten selbst zu reden. Es ist m.E. ziemlich klar, dass die Komplexität dieser Kommunikationverflechtungen - Sie geben ja deutliche Beispiele - nur mit qualitativen, etwa ethnographischen Methoden erschließbar ist.
Genau - vieles, was an Diskussionen aufkommen, hinterlässt auf den Blogs keine Spuren. Z.B., Sie haben was über Akkreditierung geschrieben und getweetet - ich habe es weitergereicht und wir haben im Kollegenkreis intensiv darüber gesprochen! Nicht mit Ihnen, aber Sie haben eine Diskussion angeregt.
Ich blogge über Plagiat, und habe (ausser Blogspam) wenige Kommentare. Aber kaum habe ich zum Fall Hegemann Stellung genommen, war eine Journalistin da, die einen Statement haben wollte, die abgedruckt worde und schon kam die nächste auf mich zu....
Ich sehe einen Blog als ein neues Medium an, das eben *nicht* nur auf sich selber beschränkt ist, sondern integriert wird mit vielen anderen Web 2.0 und traditionelle Kommunikationsmöglichkeiten.
Ausserdem ist dieses Kästchen VIEL zu klein, um ordentlich denkschreiben zu können ;)
Es ist natürlich verlockend, einen Kommentar zur Kommentarkultur zu kommentieren :-)
Zunächst einmal denke ich, daß trotz der auf mich leicht negativ wertendend wirkenden Einschätzung "eher monologische Form des Ausdrucks" grundsätzlich nichts gegen Blogs einzuwenden ist, die nur wenige Kommentare erhalten. Sie können gleichwohl eine nützliche Funktion erfüllen: Von der fortlaufenden Darstellung der eigenen Befindlichkeit, bzw. des eigenen Tuns - eben wie in einem Tagebuch - bis hin zur Herstellung einer (Gegen-)Öffentlichkeit mit einfachsten Mitteln. Das demokratische Potenzial, das in dieser extrem leichten weltweiten Verbreitung eigener (z.B. politischer oder auch wissenschaftlicher) Ansichten und Erkenntnisse steckt, ist m.E. ein wichtiger Aspekt. Niemals zuvor war es möglich, ohne politische bzw. wirtschaftliche Macht solche Öffentlichkeitswirksamkeit zu erzielen.
Die deutsche Bildungs-Blogosphäre allerdings erscheint mir insofern für eine empirisch- quantitative Auswertung von Blogs bzw. Kommentaren weniger geeignet, als sie doch sehr stark (räumlich und personell) begrenzt ist. Die vielfach vorhandenen persönlichen Kontakte und Beziehungen der beteiligten Personen sind m.E. ziemlich untypisch für die restliche (globale) Blogosphäre.
Danke für die Kommentare! Hurra, ein "echter Diskurs" :-)
Ich komme gerade zurück von ein paar Tagen "Flucht vor Karneval" in die NL und bin erstaunt über das Echo, das Rolf Schulmeisters Artikel ausgelöst hat. Beeindruckend, wie Rolf Schulmeister die Blogosphere auch "aus dem Off" zu steuern vermag, ohne einen einzigen eigenen Blogeintrag. Chapeau!
http://blogsearch.google.de/blogsearch?q=schulmeister
http://twitter.com/search#search?q=schulmeister
ad "Chapeau": Stimmt. Und der Witz ist: er liest mit (da bin ich ziemlich sicher), freut sich - und enthält sich jeden Kommentares. (Bei dieser Gelegenheit - herzliche Grüße, Herr Schulmeister! ;-) )
mein kommentar als post auf meinem eigenen blog:
http://www.birkenkrahe.com/blog/?p=244
spannende debatte!
ps. das problem mit den meisten wissenschaftlichen artikeln, das sie ansprechen, könnte ja auch daran liegen, dass sie grottenschlecht geschrieben sind (nicht der schulmeister artikel - wie immer bei schulmeister macht das lesen spaß). das feedback, dem blogger (mit oder ohne artikulierte leser) permanent ausgesetzt sind, schlägt traditionellen peer-review um längen.
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